| „Sklaven! reichet mir den starken |
| Bogen von des Zeltes Wand! |
| Den Verräther Ali strafen |
| Will ich schwer mit eig'ner Hand.“ |
| Also spricht der tapf're Führer |
| Der Seldschuken zornesroth, |
| Unter seinem Turban blitzen |
| Dunkle Augen Mord und Tod. |
| Wilder schüttelt seine Mähnen |
| Neben ihm der Lieblings-Leu, |
| Und die feigen Sklaven zittern |
| Vor dem Herrscher todesscheu. |
| Eine Schaar mordlust'ger Neger |
| Bricht sich durch die Menge Bahn, |
| Und nach seinem Opfer blicket |
| Rachedurstig Alp Arslan. |
| Mag des Herrschers Auge drohen, |
| Wild entflammt im Rachestrahl, |
| Ruhig blickt entgegen Ali, |
| Fest geschnürt am Henkerpfahl. |
| Und den schweren, todgeübten |
| Bogen, den kein and'rer spannt, |
| Faßt und rüstet zorneseilig |
| Sultan Arslans starke Hand. |
| Scharf nun zielt er, und die Waffe |
| Zischend von der Sehne schwirrt; |
| Doch zum erstenmal am Herzen |
| Ist sein Pfeil vorbei geirrt. |
| Von der Feder kaum berühret |
| Schleudert Ali ihm zurück, |
| Stolz, mit lächelnder Verachtung, |
| Seinen Pfeil und Todesblick. |
| Arslan staunt dem Unerhörten; |
| Wüthend über solche Schmach |
| Schießt er dem verhöhnten Pfeile |
| Rasch den zweiten, schärfern nach. |
| Heißer ihm auf Stirn und Wangen |
| Glüht herauf der Rache Glut; |
| Brausend fliegt das scharfe Eisen - |
| Doch es fließt kein Tropfen Blut. |
| Schnaubend, ein gereizter Tiger, |
| Greifet nun zum dritten Mal |
| Rasch der Sultan in den Köcher, |
| Rufend, daß es hallt im Thal: |
| „Allah selbst vom fernsten Himmel |
| „Trifft mit seinem Donnerkeil |
| „Das erwählte Todesopfer |
| „Sich'rer nicht als dieser Pfeil!“ - |
| Und er spannet bis zur Schulter |
| Das gewaltige Geschoß; |
| Wie ein Blitz durchzuckt's die Lüfte - |
| Doch kein Tropfen Blutes floß. - |
| Seht! urplötzlich reißt sich Ali |
| Los vom eh'rnen Kettenjoch, |
| Und er springt vom Todespfahle |
| Uebermenschlich, riesenhoch. |
| Die zerknickte Eisenkette |
| Höhnend hin zur Erde klirrt; |
| Auf den Sultan stürmt nun Ali |
| Schneller als der Pfeil geschwirrt. |
| Sultan Arslan stürzt zu Boden |
| Unter Ali's grimmer Faust, |
| Wie vom Streich der Axt im Walde |
| Laut die Eiche niederbraust. |
| „Allah! Allah! durch den Sklaven |
| „Trifft mich mein verdienter Tod, |
| „Dein vergaß ich übermüthig, |
| „Frevelnd brach ich dein Gebot. |
| „Als ich heut' im Morgenstrahle |
| „Musterte mein tapf'res Heer, |
| „Dacht' ich, Allah! zu gebieten |
| „Dir gleich über Land und Meer. |
| „Allah! Dir sich gleich zu wähnen |
| „Wage nie ein Muselmann!“ |
| Spricht es, und es stirbt des Orients |
| Schrecken - Sultan Alp Arslan. |